Buch planen oder drauflosschreiben? Oder warum Stephen King mein Erlöser ist!

Dieser Beitrag ist eine Neuauflage, einer meiner ersten Blogbeiträge namens »Spontanes Drauflosschreiben oder detailliertes Planen?«

Aber warum eine Neuauflage? Erstens, hatte mein Blog damals kaum Leser, sprich der Artikel keine große Aufmerksamkeit. Zweitens, habe ich mich seither weiterentwickelt und meine Methoden auch.

Und statt den alten Artikel versauern zu lassen, habe ich ihn aus dem Keller geholt, entstaubt und aufpoliert.

Engelchen vs. Teufelchen

Auf meiner rechten Schulter sitzt Engelchen, die Stimme meiner Vernunft. Es rät: »Setz dich hin, überlege gut, mach einen Plan.«

Auf meiner linken Schulter sitzt Teufelchen, es stichelt: »Scheiss drauf, leg los, fang an, SCHREEEEIIIIIB!«

Teufelchen gewinnt

Ich gehöre zweifelsfrei zur Sorte spontaner Drauflosschreiber (auch bekannt als Discovery Writer oder Pantser). Am Anfang steht eine Idee, ein Satz oder eine Situation. Daraus spinne ich eine grobe Handlung und suche nach einem Motiv, welches diese Handlung rechtfertigt.

Machen wir ein Beispiel:

Ein Mann wie eine Wurzel, knorrig und zäh. Trotzdem schaffte er es, in der Menge der pubertierenden Tänzer unerkannt zu bleiben.

Von hier aus versuche ich dann, die Situation auszuschmücken und weiterzuspinnen.

Ohne Vorwarnung packte er den neben ihm hampelnden Burschen und brach ihm mit einer ruckartigen Bewegung das Genick, als wär‘s ein Streichholz.

Jetzt sehe ich mir an, was ich da habe. Zuerst habe ich den Mann wie eine Wurzel. Scheint mir ein komischer Kauz mit unbändiger Kraft zu sein. Dass er aus einer Gruppe pubertierender Jugendlicher nicht heraussticht, könnte bedeuten, dass er entweder selber ein Jugendlicher ist oder aber ein zurückgebliebener Erwachsener oder sonst ein Typ, der nicht ganz normal ist – ich weiß es noch nicht.

Die unverhoffte Gewalt zeugt von einem Psychopaten und lässt viele Möglichkeiten offen. Hier überlege ich mir schon mal grob das Motiv. Vielleicht hat die Mutter während der Schwangerschaft getrunken und der Junge hatte es von Anfang an schwer, weil er auf der Straße groß geworden ist. Oder der Klassiker mit der Misshandlung. Oder vielleicht wurde er auch die ersten 12 Jahre seines Lebens eingesperrt gehalten – ich weiß es noch nicht.

Das ist mein Gerüst, an dem ich mich vorwärtshangle. Wenn ich diese grobe Skizze anfangs niederschreibe, hat sie locker auf einem Bierdeckel platz (ohne dabei die Werbung zu verkritzeln). Im Verlauf weiterer Brainstormings erarbeite ich daraus eine ca. zweiseitige Zusammenfassung.

Ich konnte gut Leben mit Teufelchen, bis…

Ich verbringe also nicht Wochen oder gar Monate mit detaillierter Planung, sondern versuche, so schnell wie möglich mit Schreiben zu beginnen. Denn das ist es, was mir Spaß macht. Während des Schreibens weiß ich selber noch nicht, was passiert. Es ist fast wie Lesen, mit dem Unterschied, dass ich die Handlung bestimme.

Es ist mir klar, dass diese Methode nicht jedem liegt und irgendwann habe ich, zugegebenermaßen, auch an mir selber gezweifelt. Denn egal wo ich mich informiert habe, ständig war die Rede von Recherche, Figuren entwickeln, Plot konstruieren und dergleichen. Für mich klingen Recherchieren, Entwickeln und Konstruieren nach Arbeit.

Wenn ich schreibe, will ich nicht arbeiten! Zugegeben, um die Recherche kommt man nicht herum. Ich mache sie jedoch erst dann, wenn ich wirklich muss und nicht vorsorglich.

Das ständige Gerede (oder Geschreibe) von Planung hat dazu geführt, dass ich an mir zu zweifeln begann. Ich beschloss, einen Schreibratgeber zu kaufen, und zwar den von Elisabeth George.

… das Engelchen in Form von Elisabeth George auftauchte

Ich hab mir also den Schreibratgeber von Elisabeth George, »Wort für Wort – oder die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben« gekauft. Und was ich da gelesen habe, hat mir sämtlichen Schreibmut geraubt.

Die gute Frau reist zuerst an den Ort, an dem sie die Handlung planen möchte. Dann macht sie Fotografien von möglichen Handlungsschauplätzen. Soweit, so gut. Die Buchplanung mit einem Urlaub zu verbinden, kann ich nachvollziehen.

Aber jetzt geht’s los. Bei der Figurenentwicklung legt sie pro Person eine fünfseitige Charakterstudie an (kein Wunder, hat sie doch ursprünglich Psychologie studiert). Anschließend wendet sie eine Schritt-für-Schritt Methode an, um ihren Plot zu entwickeln.

Wenn Sie dann das Buch schon grob kapitelweise geplant hat, beginnt sie mit dem eigentlichen Schreibprozess. Sie entfaltet ihre Kreativität innerhalb eines gewissen Rahmens und braucht strukturierte Planung.

Ich bewundere eine solche Hingabe und habe Respekt für den immensen Aufwand, den sie beim und vor allem vor dem Schreiben auf sich nimmt. Allerdings betont sie auch immer wieder ihre Ängste, und wie sie quasi das Licht am Ende des Tunnels nicht sieht.

Ich habe dieses Werk gelesen und dann entsetzt beiseitegelegt. Ihre Erklärungen über das Handwerk sind sehr interessant und lehrreich, wenn sie auch gar ausführlich seitenweise aus ihren eigenen Werken zitiert.

Engelchen hat mich in ein Loch geworfen

Ihre Methode ein Buch zu schreiben deckt sich jedoch so überhaupt nicht mit meiner, dass ich kurzzeitig überlegte, mit dem Schreiben aufzuhören.

Ich dachte mir, wenn das Schreiben ist und dieser Aufwand nötig, um irgendwann mal eine Veröffentlichung zu erreichen, dann will ich nicht mehr weitermachen. Das ist Arbeit, und zwar sauviel.

Das schaff ich nicht, das will ich nicht, dazu bin ich viel zu faul!

Engelchen, kläglich gescheitert

Irgendwann habe ich mich aufgerafft und damit angefangen, das sechzig Seiten junge und schon monatelang auf meinem Rechner verstaubende Manuskript meines zweiten Werkes auszugraben und in grobe Kapitel aufzuteilen. Alles mit dem Ziel, die weitere Planung nach der „George-Methode“ vorzunehmen.

Nach kaum einer Woche, habe ich das Unterfangen abgebrochen. Für längere Zeit habe ich die Finger vom Bücherschreiben gelassen und mich anderem gewidmet.

Und dann kam Teufelchen in Form von Stephen King

Nachdem ich den Schock der „George-Methode“ endgültig verdaut hatte, stolperte ich auf der Suche nach neuem Lesestoff über Stephen Kings »Das Leben und das Schreiben«. Ein autobiografisches Werk, indem er allerdings intensiv aufs Schreibhandwerk und seine Methoden eingeht.

⇒Lies dir dazu auch den kürzlich erschienenen Beitrag von Marcus Johanus durch.

Was ich dort gelesen habe, erschien mir wie der Heilige Gral. Ich muss vorwegschicken, ich bin kein King Fan. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass ich weder Horror-, Fantasie- noch Science-Fiction-Bücher mag.

Das einzig „Abnormale“, was ich von King gelesen habe, war »The Stand« und das auch nur bis zu dem Teil, an dem es unnatürlich wurde.

Teufelchen bringt mich zum Jubeln

Mit »Das Leben und das Schreiben« hat er mir aus der Seele gesprochen. Als er schrieb, dass er sich eine Ausgangssituation oder Frage stellt und von dort aus weitergeht – er nennt das, das Fossil ausgraben – habe ich die Hände in die Luft gestreckt und losgejubelt.

Mit knappen und gut verständlichen Beispielen erklärt der ehemalige Englischlehrer den Werkzeugkasten des Schriftstellers (aktive und passive Sätze oder Dialoghandwerk beispielsweise).

Als ich das Buch gelesen, ja verschlungen hatte, fühlte ich mich zum ersten Mal seit Beginn meiner Möchtegernschriftstellerkarriere verstanden. Endlich war da jemand, der genau gleich tickte und dazu noch erfolgreich!

Fazit

Scheinbar ist meine Methode nicht falsch, sondern anders. Aber das muss man auch erstmal rausfinden. Seither verschwende ich meine Zeit nicht mehr damit, mir irgendwelche Methoden anzueignen, sondern suche mir aus jeder das für mich Beste heraus.

Muss ich mich zwischen detailliertem Planen oder spontanem Drauflosschreiben entscheiden, dann stelle ich mich aufrecht hin, drücke meine Brust raus, wische mir Engelchen von der Schulter und brülle: »Spontanes Drauflosschreiben!«

⇒Wie sieht’s mit dir aus, planst du oder schreibst du lieber drauflos – Engelchen oder Teufelchen?

Ich freue mich auf deinen Kommentar, und: auf Wiederschreiben!

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