Buch planen oder drauflosschreiben? Oder warum Stephen King mein Erlöser ist! | KnowHowLounge

Buch planen oder drauflosschreiben? Oder warum Stephen King mein Erlöser ist!

Dieser Beitrag ist eine Neuauflage, einer meiner ersten Blogbeiträge namens »Spontanes Drauflosschreiben oder detailliertes Planen?«

Aber warum eine Neuauflage? Erstens, hatte mein Blog damals kaum Leser, sprich der Artikel keine große Aufmerksamkeit. Zweitens, habe ich mich seither weiterentwickelt und meine Methoden auch.

Und statt den alten Artikel versauern zu lassen, habe ich ihn aus dem Keller geholt, entstaubt und aufpoliert.

Engelchen vs. Teufelchen

Auf meiner rechten Schulter sitzt Engelchen, die Stimme meiner Vernunft. Es rät: »Setz dich hin, überlege gut, mach einen Plan.«

Auf meiner linken Schulter sitzt Teufelchen, es stichelt: »Scheiss drauf, leg los, fang an, SCHREEEEIIIIIB!«

Teufelchen gewinnt

Ich gehöre zweifelsfrei zur Sorte spontaner Drauflosschreiber (auch bekannt als Discovery Writer oder Pantser). Am Anfang steht eine Idee, ein Satz oder eine Situation. Daraus spinne ich eine grobe Handlung und suche nach einem Motiv, welches diese Handlung rechtfertigt.

Machen wir ein Beispiel:

Ein Mann wie eine Wurzel, knorrig und zäh. Trotzdem schaffte er es, in der Menge der pubertierenden Tänzer unerkannt zu bleiben.

Von hier aus versuche ich dann, die Situation auszuschmücken und weiterzuspinnen.

Ohne Vorwarnung packte er den neben ihm hampelnden Burschen und brach ihm mit einer ruckartigen Bewegung das Genick, als wär‘s ein Streichholz.

Jetzt sehe ich mir an, was ich da habe. Zuerst habe ich den Mann wie eine Wurzel. Scheint mir ein komischer Kauz mit unbändiger Kraft zu sein. Dass er aus einer Gruppe pubertierender Jugendlicher nicht heraussticht, könnte bedeuten, dass er entweder selber ein Jugendlicher ist oder aber ein zurückgebliebener Erwachsener oder sonst ein Typ, der nicht ganz normal ist – ich weiß es noch nicht.

Die unverhoffte Gewalt zeugt von einem Psychopaten und lässt viele Möglichkeiten offen. Hier überlege ich mir schon mal grob das Motiv. Vielleicht hat die Mutter während der Schwangerschaft getrunken und der Junge hatte es von Anfang an schwer, weil er auf der Straße groß geworden ist. Oder der Klassiker mit der Misshandlung. Oder vielleicht wurde er auch die ersten 12 Jahre seines Lebens eingesperrt gehalten – ich weiß es noch nicht.

Das ist mein Gerüst, an dem ich mich vorwärtshangle. Wenn ich diese grobe Skizze anfangs niederschreibe, hat sie locker auf einem Bierdeckel platz (ohne dabei die Werbung zu verkritzeln). Im Verlauf weiterer Brainstormings erarbeite ich daraus eine ca. zweiseitige Zusammenfassung.

Ich konnte gut Leben mit Teufelchen, bis…

Ich verbringe also nicht Wochen oder gar Monate mit detaillierter Planung, sondern versuche, so schnell wie möglich mit Schreiben zu beginnen. Denn das ist es, was mir Spaß macht. Während des Schreibens weiß ich selber noch nicht, was passiert. Es ist fast wie Lesen, mit dem Unterschied, dass ich die Handlung bestimme.

Es ist mir klar, dass diese Methode nicht jedem liegt und irgendwann habe ich, zugegebenermaßen, auch an mir selber gezweifelt. Denn egal wo ich mich informiert habe, ständig war die Rede von Recherche, Figuren entwickeln, Plot konstruieren und dergleichen. Für mich klingen Recherchieren, Entwickeln und Konstruieren nach Arbeit.

Wenn ich schreibe, will ich nicht arbeiten! Zugegeben, um die Recherche kommt man nicht herum. Ich mache sie jedoch erst dann, wenn ich wirklich muss und nicht vorsorglich.

Das ständige Gerede (oder Geschreibe) von Planung hat dazu geführt, dass ich an mir zu zweifeln begann. Ich beschloss, einen Schreibratgeber zu kaufen, und zwar den von Elisabeth George.

… das Engelchen in Form von Elisabeth George auftauchte

Ich hab mir also den Schreibratgeber von Elisabeth George, »Wort für Wort – oder die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben« gekauft. Und was ich da gelesen habe, hat mir sämtlichen Schreibmut geraubt.

Die gute Frau reist zuerst an den Ort, an dem sie die Handlung planen möchte. Dann macht sie Fotografien von möglichen Handlungsschauplätzen. Soweit, so gut. Die Buchplanung mit einem Urlaub zu verbinden, kann ich nachvollziehen.

Aber jetzt geht’s los. Bei der Figurenentwicklung legt sie pro Person eine fünfseitige Charakterstudie an (kein Wunder, hat sie doch ursprünglich Psychologie studiert). Anschließend wendet sie eine Schritt-für-Schritt Methode an, um ihren Plot zu entwickeln.

Wenn Sie dann das Buch schon grob kapitelweise geplant hat, beginnt sie mit dem eigentlichen Schreibprozess. Sie entfaltet ihre Kreativität innerhalb eines gewissen Rahmens und braucht strukturierte Planung.

Ich bewundere eine solche Hingabe und habe Respekt für den immensen Aufwand, den sie beim und vor allem vor dem Schreiben auf sich nimmt. Allerdings betont sie auch immer wieder ihre Ängste, und wie sie quasi das Licht am Ende des Tunnels nicht sieht.

Ich habe dieses Werk gelesen und dann entsetzt beiseitegelegt. Ihre Erklärungen über das Handwerk sind sehr interessant und lehrreich, wenn sie auch gar ausführlich seitenweise aus ihren eigenen Werken zitiert.

Engelchen hat mich in ein Loch geworfen

Ihre Methode ein Buch zu schreiben deckt sich jedoch so überhaupt nicht mit meiner, dass ich kurzzeitig überlegte, mit dem Schreiben aufzuhören.

Ich dachte mir, wenn das Schreiben ist und dieser Aufwand nötig, um irgendwann mal eine Veröffentlichung zu erreichen, dann will ich nicht mehr weitermachen. Das ist Arbeit, und zwar sauviel.

Das schaff ich nicht, das will ich nicht, dazu bin ich viel zu faul!

Engelchen, kläglich gescheitert

Irgendwann habe ich mich aufgerafft und damit angefangen, das sechzig Seiten junge und schon monatelang auf meinem Rechner verstaubende Manuskript meines zweiten Werkes auszugraben und in grobe Kapitel aufzuteilen. Alles mit dem Ziel, die weitere Planung nach der „George-Methode“ vorzunehmen.

Nach kaum einer Woche, habe ich das Unterfangen abgebrochen. Für längere Zeit habe ich die Finger vom Bücherschreiben gelassen und mich anderem gewidmet.

Und dann kam Teufelchen in Form von Stephen King

Nachdem ich den Schock der „George-Methode“ endgültig verdaut hatte, stolperte ich auf der Suche nach neuem Lesestoff über Stephen Kings »Das Leben und das Schreiben«. Ein autobiografisches Werk, indem er allerdings intensiv aufs Schreibhandwerk und seine Methoden eingeht.

⇒Lies dir dazu auch den kürzlich erschienenen Beitrag von Marcus Johanus durch.

Was ich dort gelesen habe, erschien mir wie der Heilige Gral. Ich muss vorwegschicken, ich bin kein King Fan. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass ich weder Horror-, Fantasie- noch Science-Fiction-Bücher mag.

Das einzig „Abnormale“, was ich von King gelesen habe, war »The Stand« und das auch nur bis zu dem Teil, an dem es unnatürlich wurde.

Teufelchen bringt mich zum Jubeln

Mit »Das Leben und das Schreiben« hat er mir aus der Seele gesprochen. Als er schrieb, dass er sich eine Ausgangssituation oder Frage stellt und von dort aus weitergeht – er nennt das, das Fossil ausgraben – habe ich die Hände in die Luft gestreckt und losgejubelt.

Mit knappen und gut verständlichen Beispielen erklärt der ehemalige Englischlehrer den Werkzeugkasten des Schriftstellers (aktive und passive Sätze oder Dialoghandwerk beispielsweise).

Als ich das Buch gelesen, ja verschlungen hatte, fühlte ich mich zum ersten Mal seit Beginn meiner Möchtegernschriftstellerkarriere verstanden. Endlich war da jemand, der genau gleich tickte und dazu noch erfolgreich!

Fazit

Scheinbar ist meine Methode nicht falsch, sondern anders. Aber das muss man auch erstmal rausfinden. Seither verschwende ich meine Zeit nicht mehr damit, mir irgendwelche Methoden anzueignen, sondern suche mir aus jeder das für mich Beste heraus.

Muss ich mich zwischen detailliertem Planen oder spontanem Drauflosschreiben entscheiden, dann stelle ich mich aufrecht hin, drücke meine Brust raus, wische mir Engelchen von der Schulter und brülle: »Spontanes Drauflosschreiben!«

⇒Wie sieht’s mit dir aus, planst du oder schreibst du lieber drauflos – Engelchen oder Teufelchen?

Ich freue mich auf deinen Kommentar, und: auf Wiederschreiben!

Hinterlasse einen Kommentar 33 Kommentare

Greg Antworten

Hey, cooler Beitrag – danke!!!
Ich könnt auch grad losjubeln – bin defintiv auf der Teufelchen-Seite zuhause!
Fühl mcih grad sooo bestätigt!

    Gian Antworten

    Hey Greg

    Dank dir!

    Lg, Gian

Petra Koglin Antworten

Hallo Gian……wieder ein toller Beitrag……also ich muss ganz ehrlich sagen ich bin mehr und mehr das Engelchen……denn das Teufelchen hat mich absolut in ein Chaos gestürzt so das ich alles auf Anfang gesetzt habe….denn erst habe ich mich mit der Schneeflockenmethode Schritt für Schritt an mein Projekt gewagt bis Teufelchen kam und meinte alles Zeitverschwendung…..da man ja stets eine einfache Methode sucht gab ich Teufelchen nach….ich habe geschrieben wie ein Weltmeister……nach 50000 Wörtern war dann das Chaos perfekt……ich kam an einen Punkt wo es einfach nicht weiter ging…selbst Überarbeitung hat nichts genutzt…….
Engelchen hat mir dann verziehen und ich gehe geplanter vor…..habe die Schneeflockenmethode weiter gemacht und bin nun in der glücklichen Lage zu schreiben ohne den Roten Faden zu verlieren.
Ich habe beide Bücher gelesen und mein Fazit…….schreibe wie ein Teufelchen, jedoch vergiss Engelchen nicht ganz…….
Ein Buch ist immer harte Arbeit, aber wenn es im Laden steht und gekauft wird war es das wert.
In diesem Sinne allen ein schönes WE und viel Erfolg, egal wie man sich entscheidet.
LG Petra

    Gian Antworten

    Hi Petra

    🙂 Kommt mir alles irgendwie bekannt vor, einfach umgekehrt. Aber die Hauptsache ist, dass man seinen Weg findet. Und wie ich schon auf Facebook geschrieben habe: Fehler sind da, um daraus zu lernen.
    Ich hab für mich auch festgestellt, dass es ganz ohne Planung nicht geht. Ich wende aber eher so was wie eine „rollende Planung“ an.

    Auch dir ein schönes Wochenende!
    GLG, Gian

    PS: Danke für deine Treue!

lisa Antworten

Hi Gian
Engelchen und Teufelchen.. Ich musste laut lachen. Selber hab ich es als Teufelchen probiert, bin dann aber – wie Petra – ich Chaos gelandet. Mittlerweile plane ich gut durch. Ich nutze dazu Scrivener, das hilft mir sehr beim Organisieren.
Glg, Lisa

    Gian Antworten

    Hallo Lisa

    Freut mich, dir Freude bereitet zu haben. 🙂

    Ja, ich nutze auch Scrivener.

    LG, Gian

Marcel Antworten

Auf jeden Fall Teufelchen, das macht es doch viel spannender. Wenn man schon weiss was am ende bei rauskommt ist die Kreativität gleich null.

    Gian Antworten

    Hi Marcel

    Das mit der Kreativität kann man so nicht sagen. Denn man kann auch innerhalb eines gesetzten Rahmens kreativ sein.

    Lg, Gian

Lena Antworten

Nach einigen Versuchen meine Geschichten zu planen, habe ich mich auch fürs Teufelchen entschieden. Zwar endet das spontane Drauflosschreiben genauso oft im Chaos wie das Schreiben nach Plan… aber es macht einfach viel mehr Spaß 😀
Ich finde es schön, dass du den Artikel von damals noch mal aufgegriffen hast.. ich habe übrigens auch schon die alte Version gelesen damals… Dein Schreibplattform Manifest liegt immer noch ausgedruckt auf meinem Schreibtisch 😀
Tolle Seite, motiviert mich sehr, weiter so

Lg Lena

    Gian Antworten

    Hi Lena

    Noch ein Teufelchen, willkommen im Club! 🙂

    Vielen Dank. Freut mich, dass du sogar noch das Manifest hast!

    Lg, Gian

Siegrid Antworten

Haben wir nicht alle kleine Tengelchen?
Als ich in deinem Text las:
„Am Anfang steht eine Idee, ein Satz oder eine Situation. Daraus spinne ich eine grobe Handlung und suche nach einem Motiv, welches diese Handlung rechtfertigt.“, dachte ich: Aber wieso sagt er, er sei ein Drauflosschreiber? Er plant doch.
„Eine grobe Handlung spinnen“ und „Motive suchen“ ist in meinen Augen Planung.
Ich glaube, dass in gewisser Weise jeder plant. Einige tun es nur detaillierter als andere. Auch St. King bringt ja in seinem Buch Beispiele dafür, dass er sich bei einigen seiner Geschichten ein bestimmtes Ende vorgestellt hat, dass sie sich während des schreibens dann aber anders entwickelt haben. Sobald man ein bestimmtes Ende im Kopf hat, plant man doch, darauf hinzuschreiben, selbst wenn man nicht jeden notwendigen Schritt dafür vorher akribisch schriftlich festhält.
Ich finde, so groß sind die Unterschiede zwischen Planer und Pantser gar nicht.

Gruß
Siegrid

    Gian Antworten

    Hallo Siegrid

    O doch, es gibt riiiieeeeesige Unterschiede zwischen Planter und Pantser. Mein „Plan“ umfasst zwei A4 Seiten. Ein richtiger Plotter hat, bevor er mit dem eigentlichen Schreiben beginnt, möglicherweise schon mal 30 – 50 Seiten geplant. Das geht soweit, dass jedes Kapitel schon grob skizziert wird, etc.

    Ich hingegen kenne meinen ungefähren Schluss und das Motiv. Aber ansonsten bin ich völlig frei. Ich weiss beispielsweise auch noch nicht welche Figuren auftauchen oder an welchen Schauplätzen ich lande. Ein richtiger Planer überlässt genau diese Punkte nicht dem Zufall.

    Liebe Grüsse
    Gian

Siegrid Antworten

Da kann man mal sehen. Wir sind in unseren Schreibgewohnheiten gar nicht mal so weit voneinander entfernt, aber bis heute habe ich mich für einen Planer gehalten. : )

Birgit Antworten

Lieber Gian,
ich find Dich mal wieder herzerfrischend und klasse. Authentisch und sympathisch!
Vielen Dank für den Mehrwert, den Du uns gibst!
Liebe Grüße aus dem Norden Deutschlands,
Birgit

    Gian Antworten

    Hallo Birgit

    Vielen Dank! Freut mich, zu helfen!

    Liebe Grüsse
    Gian

Thomas Antworten

Na ja, wenn ein Engelschen immer gewinnen würde, hätten wir wahrscheinlich keine Bücher mehr…

Manfred Voita Antworten

Ein kluger Text mit tollen Hinweisen zum Nachlesen!

Willem Brakman, ein niederländischer Schriftsteller, beschrieb sich selbst als barocken Schreiber und meinte damit, dass er, was er einmal geschrieben hatte, nicht mehr erneut las oder überarbeitete und an jedem Tag wieder vor einem weißen Blatt Papier saß. Er reiste aber – manchmal – auch zu den Orten, die für seine Erzählungen wichtig waren und erkundete sie genau. Ich persönlich brauche eine Grundidee und eine Vorstellung davon, wie eine Geschichte enden könnte, damit ich mich darauf einlassen kann.

    Gian Antworten

    Jeder muss für sich selber herausfinden, welche Methode die beste ist! Orte zu beschreiben, an denen man schon gewesen ist, ist definitiv eine gute Sache!

Franziska Antworten

Auf jeden Fall Teufelchen!!! Also, ich bin noch nicht volljährig, will aber unbedingt ein Buch schreiben. Ich habe so viele Ideen, aber keine Ahnung, wie ich sie ordnen soll und wie das Buch anfangen soll. Durch deine Beiträge hast du mir die Augen geöffnet. Endlich habe ich eine Ahnung, wie ich vorgehen soll! Vielen Dank

    Gian Antworten

    Bitte, gerne doch!

Snowflake-Pantser oder wie ich schreibe | Mads' Universe Antworten

[…] Ich verfeinere genau soweit bis ich ein “gutes Gefühl” für eine Handlung habe und schreibe diese dann nach freiem Gusto (Pantser). […]

Sofatexter Antworten

Und ich besorge mir jetzt das Buch von King!

Alexander Antworten

Hallo Gian,

ich bin vorhin auf deinen Blog gestoßen, und muss erstmal ein großes Lob aussprechen.
Du sprichst einem einfach aus der Seele!

Mich hast du erstmal als Follower gewonnen.
Keep goin‘ !

Kooky Rooster Antworten

Oh ja, diese Verunsicherung. Ich bin von Natur aus auch der Teufelchen-Schreiber. Aber nachdem ich mit zunehmendem Umfang meiner Projekte auch zunehmend mehr „gegen die Wand“ schreibe, also immer wieder ganze Kapitel löschen muss, um noch schlüssig zu bleiben, denke ich über eine … hm … ökologischere Methode nach. Denn mittlerweile stehen das fertige Werk und der Papierkorbtext bei 1:1. Stichwort „Faulheit“: Der Spaß hört auf, wenn man mehr Arbeit verwerfen muss, als man sich mit Planung gemacht hätte. Also suche ich nach Auswegen. Und wie du so schön beschreibst, wenn ich mich umsehe, scheint der „brave, gute, professionelle“ Autor nicht nur präzise zu planen, nein, er ist auch vor Schreibblockaden gefeit, beziehungsweise ist er der bürokratischen Arbeitsweise zugetan und schreibt jeden Tag, völlig egal, ob er inspiriert ist oder nicht. Selbst funktioniere ich nicht so, aber wenn ich nach Lösungswegen suche, komme ich immer auf diese, nun, schriftstellerische Beamtenmentalität. Planen und schreiben. Stur geradeaus. Kein anderer Weg ist sinnvoll. Jeden Tag tun, am Ende ist was da. Leidenschaftslos und nüchtern. Ich kann das nicht. Uninspiriert schreiben ist Anfüttern des Papierkorbs (und des Frustes). Wenn ich mir meine Festplatten ansehe: Alle säuberlich geplanten Werke blieben Pläne. Geschrieben und beendet habe ich nur Werke, die mir spontan kamen und die ich als Gärtner eroberte.
Eines meiner Grundprobleme mit der Philosophie des Planens ist: Ein Charakter reift während der Geschichte. Schreibe ich als Entdecker, dann wachse ich mit dem Protagonisten mit, bin ihm selten entwicklungspsychologisch voraus, was wunderbar für die Authentizität ist. Wenn ich aber eine Geschichte vorher präzise plane, und den fertig entwickelten, gereiften Protagonisten vor Augen habe, kann ich nicht mehr zurückgehen. Mir gelingt nicht, unbefangen und glaubwürdig den unreifen, im Verhältnis zum Endprodukt bewusst fragmentarischen Menschen zu zeichnen, der sich dann natürlich entwickeln soll. Einerseits erscheint mir das respektlos dem Protagonisten gegenüber, andererseits käme jeder Entwicklungsschritt lähmend gewollt. Ich tu mir aber auch im realen Leben schwer, mir die verhältnismäßige Naivität eines Menschen von vor einem Jahr fühlbar präzise in Erinnerung zu rufen, wenn er nun gereift und klug vor mir steht. Ich krieg da bereits beim bloßen Versuch, dieses Problem überhaupt in nachvollziehbare Wörter zu fassen, Löcher im Kopf. Es erinnert an das Zeitreise-Phänomen. Kennt man die Zukunft, hat es Auswirkungen auf die Vergangenheit, das (Noch)Defizit dürfte noch nicht mal als Möglichkeit exisiteren – aber wie löst man sich von Erkenntnis? Professionelle Degeneration?
Mich erstaunen auch immer Beschreibungen, wie Autoren Szenen oder Kapitel HINTERHER noch in ihrer Reihenfolge herumsortieren. Als jemand, der kausal denkt, ist es unvorstellbar, wie ohne einen Roman völlig umschreiben zu müssen, auch nur eine Szene versetzt werden kann. Ich meine, wenn schon der Flügelschlag eines Schmetterlings …

AssistirGratis Antworten

Und ich besorge mir jetzt das Buch von King!

Silvia Rita Hofmann Antworten

Ein sehr interessanter Beitrag und vor allem ein guter Standpunkt! Ich muss sagen, dass ich nahezu alle Bücher von King gelesen habe. Passt also ganz gut ;).

Harriet Liesegang Antworten

Wow, ich hab den Beitrag jetzt erst entdeckt. Ich habe auch leichte Motivationsprobleme bei der Planung. Da ich vorwiegend Fachbücher schreibe, ist die für mich allerdings unumgänglich und auch total sinnvoll. Privat stecke ich mit der planvolleren Methode aber gerade bei meinem Roman-Projekt total fest. Da könnte Stephen King tatsächlich auch meine Rettung sein… ich werde mir das Werk gleich mal zulegen. Danke!

L.C Antworten

Eher „Teufelchen“, okay ich plane immer ein bisschen im Kopf vor, nunja streng genommen mache ich mir einen Haufen Notizen für meine Arbeit, allerdings ist alles „Teufelswerk“. XD

Es wirkt wie geplant, allerdings sind alles spontane Ideen, die ich aufschreibe und/oder in Form von Skizzen festhalte und dann daran herumwerkle wie ein Bildhauer an einer Skulptur.

Wobei, ich auch jedes Mal, wenn mir eine neue Idee kommt dieser sofort nachgehe, was dazu führt, dass meine Notizbücher inhaltlich total chaotisch wirken (Eingeklebte Notizzettel, Skizzen usw. tragen ihren Teil dazu bei.) XD

Kommen wir jedoch mal zu meiner persönlichen Erfahrung mit „Engelchen“, eine Freundin von mir plant ihre Geschichte durch – Wobei sie aus beruflichen Gründen, gerade selbst da zu nichts kommt – und mich beneidet, da bei mir die Ideen hingegen überhand zu nehmen scheinen. Ab diesen Punkt war mir Schreiben nach Plan echt zu unattraktiv geworden, auch weil „Engelchen“ wie meine Freundin selbst die Schreibzeit in ihren Tagesablauf einplanen, wo ich schon als selbstständiger Künstler meine Probleme hatte, wenn was privates dazukommt – Ich verbringe auch gerne Zeit mit meinen Freunden, aber wenn mir in der Zeit Ideen kommen, dann schreibe ich sie mir auf und arbeite sie bei Möglichkeit auch schon so gut es geht aus.

„Engelchen“-Autoren warten hingegen aufgrund von Arbeit, Freunden und Familie meist mit den Notizen, bis sie die Zeit haben und nicht nur im Fall meiner Freundin habe ich erlebt, dass diese Personen sich dann aufgeregt haben, da sie nicht selten die Idee halb oder gar komplett vergessen hatten.

„Teufelsschreiber“ schaffen aus meiner Sicht mehr als „Engelschreiber“, es mag ja sein das wir als Autoren entscheiden, was unseren Charakteren passiert und wo – Sei es in Paris zur Zeit von WW 2 oder in einem fiktiven Königreich auf einer ebenso fiktiven Welt mit fantastischen Wesen, Pflanzen und Kulturen.

Aber sich selber beim Schreiben Grenzen/Rahmen zu legen…

Julia Antworten

Hallo,

auch wenn die letzten Kommentare schon etwas älter sind, möchte ich mich äußern 🙂

Ich habe früher (so mit 17.18.19.20.22, ich bin jetzt 30) immer drauf losgeschrieben und steckte irgendwann fest. Habe es nie geschafft etwas zu Ende zu bringen. Heutzutage plane ich, lass mir aber Handlungsspielraum für Änderungen. Das führt auch dazu, dass teilweise viel im Papierkorb landet, aber ich brauche eine ungefähre Richtung, damit es weiter geht. Das Ende vor Augen.

Kreativ sein kann man, wie schon gesagt wurde, auch in einem festen Rahmen. Ich habe tatsächlich ein paar Schreiblockerungsübungen, die ich nutzte. Dabei kommen mir oft Ideen, die die Blockade wunderbar auflösen oder ich mache etwas anderes, aber denke an meinen Text dabei. Funktioniert einwandfrei 🙂

Liebe Grüße Julia

Hana Antworten

Ich verstehe dich voll und ganz. Ich schreibe auch einfach los… Dabei liebe ich dieses Gefühl, dass ich mich dabei selbst überrasche. Wenn ich mich hinsetze und schreibe, habe ich selbst oft noch gar keine Ahnung, wie es mit meinen Figuren weitergeht. Aber einmal Finger kurz auf die Tasten gelegt und schon gehts los. Ehrlicherweise, passiert manchmal aber auch, dass ich einen kurzen Tiefpunkt habe, eine Blockade. Da habe ich aber mittlerweile gute Lösung gefunden… Ich lösche einfach letzten Satz, Absatz oder manchmal auch ganze Seite (da verlasse ich mich auf mein Gefühl ) und es geht von alleine weiter. Es war wohl so eine Saggasse, kurz den Rueckwärzgang angelegt und schon gehts wieder weiter. Funktioniert bei mir immer. (Sorry falls hier Fehler sind. Deutsch ist meine Fremdsprache. Ich schreibe in Muttersprache.) LG Hana.

Miriam Antworten

Hey Gian!

Vielen Dank für diesen wirklich sehr hilfreichen Artikel!

Ich kann weder einfach drauf losschreiben, noch richtig geplant vorgehen, bei mir müssen Engelchen und Teufelchen heiraten, damit das etwas wird.

Nach 120 Seiten meines ersten Manuskripts bin ich – wie anscheinend so viele andere- im Chaos versunken. Ich kannte meine Figuren nicht mehr (dazu muss ich wohl auch zugeben, dass ich für diese 120 Seiten etwa 2 Jahre gebraucht habe), wodurch ich auch unmöglich weiterschreiben konnte.

Meine ersten Impulse sind immer Momentaufnahmen, aus denen sich bei mir Geschichten entwickeln. Stimmungen aus denen Worte entstehen. Diese Geschichten sind lebendig. Am Anfang weiß ich nie, was in 10 Seiten passieren wird und das finde ich auch etwas unglaublich spannendes. Man ist in seinem eigenem Buch ein Abenteurer, der es entdecken möchte. Nur kann man sich wie im Dschungel darin verlieren.

Vermutlich ist es wie in allem: die goldene Mitte. Oder jeder seinen eigenen Weg finden.

Vielen vielen Dank für diesen Artikel!
Liebe Grüße und mach weiter so!
Miriam

Norbert Antworten

Hallo Gian,

ich suchte sehr lange nach einer Bestätigung, wie sich Schreiben für mich richtig anfühlt. Ich habe auch Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“ gelesen. Er schien eine Ausnahme zu sein, denn fast alle Ratgeber gehen vom Plotten aus.
Dann entdeckte ich Dean Wesley Smith und ich war erlöst!!!

Ich möchte dir 2 Links mitteilen, vielleicht kennst du Dean Wesley Smith noch nicht und ich hatte den Impuls, es dir einfach mitzuteilen.
Übrigens möchte ich dir ganz herzlich Danke sagen für den coolen Scrivener-Kurs, den ich bei dir erworben habe:-)

Liebe Grüße aus Innsbruck,

Norbert

https://www.youtube.com/watch?v=4n79i1JnaN4

https://www.amazon.de/Writing-into-Dark-without-Outline/dp/1561466336

    Gian Antworten

    Hallo Norbert

    Vielen Dank für die Tipps. Hab mir das Buch direkt gekauft!

    Beste Grüsse
    Gian

Hinterlasse einen Kommentar: